Zeitfahrräder aus der DDR

Tilman Wagenknecht, Erfurt

Um was geht es?

Unter dem Oberbegriff “Textima” fassen Rennradsammler heute die Zeitfahrrennräder zusammen, die zwischen 1970 und 1990 in Leipzig und Chemnitz in verschiedenen Spezialwerkstätten gebaut worden sind.
Diese Räder waren nicht frei käuflich, sondern wurden im Auftrag des DTSB für die Spitzenradsportler der DDR als Maßanfertigung hergestellt. Es handelt sich um Zeitfahrräder jeder Kategorie, also für Bahnwettbewerbe und im Mannschaftszeitfahren auf Bahn und Straße.
Die Rennräder der DDR-Nationalmannschaft war absolute Weltspitze in den 70er und 80er Jahren. Die perfekte Technik, moderne Trainingsmethoden, nachhaltige Talenteschmiede und natürlich, wie international üblich, das Doping brachten die überragenden Ergebnisse der kleinen DDR-Teams.
TEXTIMA” als Bezeichnung für die Rennräder ist historisch nicht korrekt, weil die Räder selbst meist gar keine Marke oder Bezeichnung hatten. Aber unter Sammlern umschließt dieser Begriff eine besondere Kategorie Rennräder, die in einem nachvollziehbaren Kontext zusammengehörig sind. Daher ist der Begriff m.E. auch zulässig.

Was heißt “Textima”

Textima war der Markenname des Kombinats Textilmaschinenbau der DDR. Zum Kombinat gehörte ebenfalls die berühmte Fahrradfirma “Diamant”, die auch Strickmaschinen herstellte. Der Bau der Rennräder war in die Versuchsabteilung des Kombinats eingebunden. Zwar waren da auch besonders ausgebildete Techniker von Diamant tätig, aber im Grunde hat die Rennradherstellung mit Diamant nichts zu tun.
Aus markenstrategischen Gründen wurden manche der Rennräder daher mit dem Schriftzug Textima versehen. Aber nur in Wettbewerben, bei denen Werbung zulässig war. Da die DDR-Sportler international meist nur in olympischen Disziplinen eingesetzt wurden, gibt es sehr selten Rennräder mit Schriftzug.

Geschichte von Textima

  • 1715: erste Textilmaschinen werden in Chemnitz von Johann Esche gebaut, Chemnitz entwickelt sich zum Zentrum des Maschinenbaues mit Schwerpunkt Textilverarbeitung und Werkzeugmaschinen
  • 1989: das Kombinat Textima hat 33000 Beschäftigte
  • 1990: Privatisierung des Kombinats Textima, Gründung der “Textima AG”, 31 Betriebe
  • 1990: Aus dem Strickmaschinenbau Chemnitz wird die “Elite-Diamant Strickmaschinen GmbH & Co KG” gegründet, 170 Mitarbeiter
  • 1992: Trennung der Fahrrad-Produktion von der Strickmaschinenproduktion, der Name “Diamant-Elite” bei bei der Fahrradproduktion, die Strickmaschinenproduktion wird durch die Firma “Terrot Strickmaschinenbau Stuttgart” übernommen.
    1996: Liquidation der TEXTIMA AG
    Mehr: www.robotrontechnik.de

Was hat das mit FES zu tun?

Die FES (Entwicklungsabteilung für Sportgeräte der Forschungsstelle der DHfK) begann mit der Entwicklung von Rennradteilen erst, als es um den Einsatz von Karbonfasern ging. 1984 wurden erste Scheibenräder und 1987 das erste Rennrad mit komplettem Karbonrahmen entwickelt. Die FES wurde im Einigungsvertrag als erhaltenswert eingestuft und arbeitet heute noch. Mit der Karbontechnik sank die Bedeutung des Chemnitzer Rahmenbaues, da die Spitzensportler nun aus Berlin versorgt wurden. In Chemnitz wurden kurz vor 1989 zunehmend Trainingsräder gebaut.
Mehr: www.fes-sport.de

Warum gibt es blaue und silberne Räder?

Textimas wurden nur in der DDR-Nationalmannschaft bzw. in ausgesuchten Spitzenrennen eingesetzt. Bahnräder waren silber. Zunächst, in den 70ern, ein dunkler Silberton, vergleichbar mit Zinkblech, später und meistens ein heller Silberton, so wie ihn heute die meisten Autos fahren.
Die Straßenräder waren blau-metallic.

Rahmenformen, Radgrößen?

In der DDR wurde die Rennadtechnik zuerst privat und später gezielt und wissenschaftlich entwickelt. Die Techniker hatten zunächst Mühe, Ihre Ideen bei Trainern und Fahrern durchzusetzen. Im Laufe der Zeit wurde entwickelt:

  • Rahmenformen in knapper und schneller Ausführung mit extrem kurzem Hinterbau, Verstärkungsblechen, am Gabelkopf angebautem Lenker, ovalisierten Rohren usw. Jedes Rad ist anders, jedes Rad wurde im Laufe der Zeit verändert und verschieden zusammengebaut in Einsatz gebracht. Viel Wert wurde auf das Absenken des Roll- und Luftwiderstandes gelegt, während das Gewicht für Bahnrennen kaum eine Rolle spielt.
  • Messerspeichen mit in der Felge versenkten Nippeln, minimaler Speichenzahl (bis 24) und oft radial gespeicht
  • strömungsgünstige und extrem leichte Felgen aus superharten Magnesium-Legierungen
  • aerodynamische Rohre, Sattelstützen, Lenker, Bremse hinter dem Gabelkopf
  • handgefertigte und für den jeweiligen Einsatzzweck berechnete Schlauchreifen nach Patenten und durch Fertigung von Paul Rinkowski (Leipzig)
  • aerodynamische Anzüge und Helme
  • Es wurden alle Radgrößen 24, 26 und 27 Zoll ausprobiert. Meist waren Bahnräder für Sprint in 26/27 Zoll, Mannschaftszeitfahrräder in 24/27 Zoll, es gab sogar Versuche mit 24/24 Zoll.
  • Funktionskomponenten konnten in der DDR in der notwendigen Qualität nicht hergestellt werden. Es wurde meistens Campagnolo Super Record eingesetzt, teilweise auch Stronglight. Dies war auch bedingt durch eine Doktrien des Cheftrainers der DDR, der Campagnolofan war. Die Campa-Kurbel wurden teilweise aerodynamisch spitz gefeilt. Verwendet wurden: Naben, Schaltung vorn/hinten, Bremse hinten, Bremsgriffe, Tretlager, Pedale. Der Vorbau war meist Grünert (DDR) oder Elsner oder 3T. Die Lenker kamen aus Hetzdorf oder von Diamant (Stahllenker). Die Frontbremse war eine Eigenentwicklung, zu der es mehrere DDR-Patente gibt.

Ich finde für mein Textima nicht alle Spezialkomponenten, wo kann ich abweichen?

Viele der Sonderteile sind heute eine große Rarität. Dies betrifft besonders die Felgen, die ovale Sattelstütze, die Frontbremse und lufthaltende Schlauchreifen.
Bei den Felgen kann man sich mit anderen guten zeitgenössichen Mavic- oder Fiamme-Felgen für Schlauchreifen aushelfen. Diese Felgen wurden in die DDR importiert und im Rennen und Training eingesetzt.
Die ovale Sattelstütze kann man evtl. durch eine ovale Serienstütze von Campagnolo ersetzen, aber dann wohl nur durch Nachbearbeitung. Original wurden die Stützen in Handarbeit mit der Feile solange bearbeitet, bis sie paßten.
Lenker und Vorbau kann man auch zeitgenössich ersetzen.
Wenn die Vorderradbremse fehlt sieht es schlecht aus. Hier hilftr nur der Nachbau.
Alle anderen Teile sind beschaffbar, weil übliche Handelsteile.
Mit Lenkern, Schlauchreifen und Messerspeichen kann ich momentan noch aushelfen. Außerdem habe ich noch Zeitfahrhelme.

Sportliche Erfolge

www.sport-komplett.de